kek Lütkenwisch. Wir schreiben den 4. April 1945. Immer wieder sind Detonationen zu hören – wie etwa heute, als ein Bombenangriff auf Perleberg und seinen Flugplatz erfolgt. Die 20-jährige Ursula Hann muss daran denken, wie sie vor zwei Jahren die Landwirtschaftsschule in der Kreisstadt besucht hat. Ob das Gebäude heute Abend noch steht? Auch von der anderen Seite der Elbe kommt Beschuss. Dort sind die Amerikaner, und ihre Geschosse beschädigen die Häuser und Scheunen der Lütkenwischer. Aber was noch viel schlimmer ist: Mittlerweise sind von den Detonationen auch die Fensterscheiben in den Häusern zersprungen.
“Ich habe Angst, wenn es so rumst”, sagt Ursula Hann zu ihrem Vater Helmut Hann. Doch der, ein Kriegsveteran aus dem Ersten Weltkrieg, der die Schlacht bei St. Quentin mitgemacht hat, kennt viel Schlimmeres. “Loat doch rumsen”, kommt als Antwort. Denn ansonsten geht es den Lütkenwischern gut – niemand muss hungern. Es gibt Lebensmittelkarten, pro Monat und Person eine. Zur Fleischversorgung darf ein Bauer immerhin ein Schwein mit einem bestimmten Gewicht schlachten, mehr ist jedoch verboten. Und im Garten blühen die Obstbäume.
Und dann gibt es immer noch unerwartete Besuche. “Fräulein P. aus Lanz kommt – versteckt euch”, heißt es da manchmal. Auch Ursula Hann versteckt sich, denn Fräulein P. aus Lanz ist BDM-Führerin, die junge Mitglieder sucht, aber in Lütkenwisch partout keinen Erfolg hat. “Wir wollten einfach nur Bauern sein, mehr nicht”, sagte Jahrzehnte später ihr Vater.
Dann gibt es im Nachbarort Mittelhorst aber doch eine “stramme” Familie. Besonders überzeugt ist Mutter J., eine Frauenschaftsführerin, bei der eines Tages ein junger Nachbar auf Kriegsurlaub zu Besuch kommt und nach dem jungen Bertold fragt. “Der ist im Krieg”. “Und was ist, wenn er fällt?”, fragt der Nachbar zurück. “Dann ist er eben für unseren Führer gefallen und wir sind stolz auf ihn”, kommt als Antwort zurück. Und so kam es dann später auch.
Am 30. April besuchen die Js. die Familie Hugo Hann in Lütkenwisch. Hanns Klagen über ihre Schäden, ihr eingeschränktes Leben und überhaupt über das, was der Krieg bis jetzt an Unheil gebracht hat, werden zurechtgewiesen. “Wir gewinnen den Krieg!”, ist dazu von dem Ehepaar J. zu hören, “und danach wird der Führer uns unsere Verluste gleich vierfach ersetzen!”
Am nächsten Tag ist alles anders.

Kommentar hinzufügen