Link auf…
kek Lütkenwisch. Die Russen marschieren gegen 11 Uhr in Lütkenwisch ein. “Woina gaputt, Gittler gaputt” – “das haben die Russen uns immer und immer wieder zugerufen”, erzählt Ursula Hann, die sich jetzt erst einmal richtig verstecken muss, viele Jahre später darüber. Alle jungen Mädchen haben sich versteckt, und Pech hatte dann ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Um keine Schande ertragen zu müssen, ließ sich die junge Frau umgehend von einer “Engelmacherin” in Wittenberge helfen.
Und an “Schulzes Kuhle” in der Dorfmitte gibt es den ersten Toten: den Zahnarzt Willy Herrmann aus Berlin. Später wird gemunkelt, dass er wohl seiner Überzeugung als Kriegs- und Hitlergegner, der mit seiner Meinung nicht zurückgehalten hatte, zum Opfer gefallen ist. Schließlich wurde seine Leiche bereits etliche Stunden, bevor die ersten russischen Reiter einritten, entdeckt. Der letzte Kriegstote also.
Die nächsten Leblosen sind die Js. in Mittelhorst: Eltern, Tochter sowie der kleine Sohn wählten an einer ihrer Eichen den Freitod – noch am gleichen Tag.
In den nächsten Tagen werden diese Toten auf dem Jageler Friedhof beerdigt. Und es gibt noch mehr Verstorbene – deutsche Soldaten, an der Elbe bei Jagel und auch hier in Lütkenwisch bei “Guhls Eichen” am Deich. Hier erinnert sich Ursula Hann weiter: “Das war ein Soldat, der da lag, und die Russen haben ihn dort an Ort und Stelle eingegraben. Er trug noch seinen goldenen Ring am Finger, und den haben sie ihn auch gelassen.”
Auch Lütkenwischer fanden – jedoch fern der Heimat – den Tod: Ursula Hanns Spielkamerad Waldemar Heinecke, ihre beiden Onkel Siegfried und Ottokar Hann, die begeisterte Pferdezüchter und hoffnungsvolle Landwirte gewesen waren, zwei Spielkameraden des Nachbars Rauhut, der Bauer Jaap und der Sohn vom Gastwirt Steding.
Und nun gibt es erst einmal Hunderte von Flüchtlingen, die über die Elbe in die amerikanische Besatzungszone ziehen. Die Amerikaner haben zwischen Lütkenwisch und Jagel einen Übergang für deutsche Soldaten geschaffen. In sieben bis acht Booten werden die Soldaten pausenlos an das andere Ufer gebracht. Vom Forsthaus Garbe, der ersten Station, geht es dann nach Gorleben in ein Lager. Und vieles, Waffen und Munition, Fahrzeuge und Geräte, bleibt am Lütkenwischer Elbufer einfach liegen.
Hier erinnert sich der damalige Flüchtling Georg Klütz aus Berlin: “Damals war ich neun Jahre alt. Meine Mutter schob einen Kinderwagen vor sich her, in dem sie Lebensmittel und als Zahlungsmittel Alkohol versteckt hatte. Wir kamen aus Richtung Perleberg und wollten nach Dannenberg, und hinter Lanz standen überall kaputte Fahrzeuge auf der Straße.”
Einige Male kam der Berliner in die Prignitz, um seinen damaligen Weg nachvollziehen zu können. Inzwischen hat der 83-jährige die Stelle seiner Überfahrt wiedererkannt: “Das war nicht in Lütkenwisch – das war in Wootz.”
Denn schon wenige Tage nach Kriegsende gibt es die Fähre Schnackenburg – Lütkenwisch nicht mehr, da die russischen Soldaten das Fährgerät in der Elbe versenkt haben. Stattdessen erbietet sich jetzt ein Schnackenburger als privater Fährmann. Dessen Dienst nutzt auch Ursula Hann eines Tages, um bei Verwandten aus Kapern und Nienwalde junge Ferkel zu holen. “Uns hatten die Russen ja alles Vieh weggenommen, erschossen und eingekuhlt. Auch unsere beiden Pferde hatten sie uns weggenommen, aber die beiden Braunen waren den Russen weggelaufen und standen eines Tages wieder im Hof!”
Und wo die russischen Soldaten sich einquartiert haben, müssen die Einwohner “spuren”: Auf dem Gehöft von Hugo Hann tummeln sich inzwischen an die 40 Kosaken, darunter Mongolen und Weißrussen, denen die Bäuerin Grete Hann pfannenweise gebratene Eier und Würste vorsetzen – und dazu auch noch vorkosten muss. Übernachten darf das Ehepaar dann im Kartoffelkeller.
Wenig später erfährt Ursula Hann, dass ihr Fährmann als Mörder verhaftet worden war, denn er hatte während des Übersetzens vermögende Flüchtlinge auf der Elbmitte getötet und beraubt.
60 Jahre später erhielt die Lütkenwischerin einen zeitgenössischen Zeitungsartikel, aus dem hervorgeht, dass der Verbrecher zu einem langen Gefängnisaufenthalt verurteilt worden war. “Ich habe immer noch Angst!” meinte die damals 80-jährige. “Die brauchst Du nicht mehr zu haben, denn auch dieser Mann lebt schon lange nicht mehr”, antwortete ihr damals die Autorin dieses Artikels.
“Was hat der Krieg uns eigentlich gebracht?” fragte sich die alteingeborene Lütkenwischerin oft. “Mir hat er die Jugend geraubt und Abermillionen von jungen Menschen das Leben. Dazu gehören auch alle Soldaten, mit denen ich mich geschrieben habe. Sie alle sind gefallen!”

Kommentar hinzufügen